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Jan Mattheis
Varieté  ~  Freitag, 24.02.2012 20:00

Kusch goes Varieté

Historie

“Theater in Herborn”, dieser Begriff hat für die Kommunalpolitik der Bärenstadt seit Jahren Gültigkeit und – betrachtet man sich gelegentlich die Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung – sicher auch seine Berechtigung. Nimmt man eine der Bedeutungen des Wortes Theater (Schauspielaufführung, Vorstellung), so rückte diese erstmals 1951 ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Als aus Anlass der 700–Jahrfeier der Stadtrechte Herborns der unvergessene Walter Schwahn das Schauspiel “Barbara” schuf und dieses in der Festwoche mehrfach mit großem Erfolg aufgeführt wurde, waren sie geboren – die “Herborner Heimatspiele”.

 

In den folgenden Jahren – Walter Schwahn hatte das opulente Stück inzwischen behutsam in eine Trilogie mit drei Themenschwerpunkten umgewandelt (Herborner Stadtgeschichte zu Zeiten der Hexenverfolgung, der Pest und des Dreißigjährigen Krieges in den Stücken “Die Barbara”, “Tod und Leben” sowie “Die Freiheit”) – gab es immer wieder Aufführungen, die anfangs wie bei der Premiere auf dem Kornmarkt stattfanden und später den Weg in den historisch–beladenen Hof der Hohen Schule fanden. Bis in die achtziger Jahre wurden somit mehrere tausend Menschen Zeugen von “herwerschen” Einzelschicksalen der Geschichte, dargestellt von engagierten Hobby–Mimen, die im Zivilleben als Handwerker, Beamte, städtische Bedienstete oder in der freien Wirtschaft ihren Mann und ihre Frau standen.

 

Namen wie Dieter Nunnemann, Erich Großkopf, Otto Rauhofer oder der unvergessene Erich Zehner gaben den Heimatspielen ihr unverwechselbares Gesicht. Als 1988/1989 zunächst Erich Zehner und wenige Monate später auch Walter Schwahn starben, reifte in einigen Schauspielern der Gedanke, sich in einem eigenen Theaterverein selbstständig zu machen. Es sollte bis zum 26. November 1990 dauern, ehe dieses Ansinnen in die Tat umgesetzt wurde. Maßgeblich intiiert von Bernd Winnemann und Adelheid Simmer, die folgerichtig auch als 1. und 2. Vorsitzender Verantwortung übernahmen, war unter heftigen “Geburtswehen” das jüngste Kind der Herborner Vereinswelt entstanden. In Anlehnung an den seit Jahren eingeprägten Standardtitel für die Aufführungen der Schwahn–Stücke wählte man den Vereinsnamen “Herborner Heimatspiele e.V.”.

 

Damit verbunden waren Anspruch und Verpflichtung zugleich, die Trilogie Walter Schwahns im Zwei–Jahres–Rhythmus auf der “Open–Air–Bühne” der Hohen Schule dem Publikum zugänglich zu machen. Dieses Vorhaben wurde vom neuen Verein zwischen 1991 und 1997 mit den Aufführungen von ” Tod und Leben” (1991/1997), “Die Freiheit” (1993) und “Die Barbara” (1995) konsequent in die Tat umgesetzt. Daneben schuf sich der Verein ein weiteres schauspielerisches Betätigungsfeld. Seit 1992 freuen sich nicht nur die Herborner Schulen, sondern Kinder aus dem gesamten Dillkreis in der Vorweihnachtszeit über eigens für sie inszenierte Stücke. Vom “Gestiefelten Kater” über den satanarchäolügenialkohöllischen “Wunschpunsch” bis hin zum “Dschungelbuch” oder der “Zauberfee von Oz” gab es dabei thematisch einige Abwechslung. Inzwischen sind es Jahr für Jahr bis zu 1500 Schulkinder, die sich von den Heimatspielern unterhalten lassen und so zum Teil den ersten Kontakt zur Welt des Theaters erhalten. Seit 2003 kümmert sich Franz-Josef Neunzerling als Regisseur um die Vorweihnachtsstücke und hat maßgeblichen Anteil daran, dass diese sich inzwischen zu einer echten “Marke” des vereins entwickelt haben.

 

Da aber Schwahn–Stücke plus Weihnachtsmärchen einigen schauspielwütigen Mimen immer noch nicht ausreichten, kam es 1996 zu einer weiteren Premiere, als wir im Jahr zwischen den Stücken der Trilogie mit dem “Lampenschirm” für Furore sorgten und somit bewiesen, dass auch Werke anderer Autoren (in diesem Fall von Curt Goetz) für die inzwischen gewachsenen Fähigkeiten der Theatergruppe eine locker zu bewältigende Hürde waren. Mit zwei weiteren Einaktern von Curt Goetz (“Minna Magdalena”/”Nachtbeleuchtung”) wurde dies 1998 eindrucksvoll untermauert, ehe wir 1999 wieder Neuland betraten – und dies in zweierlei Hinsicht. Zum einen hatte Vereinsmitglied Gabriele Greis nach dem Weihnachtsstück “Kein Prinz für Schneewittchen” ihr zweites eigenes Stück (“In Bauschs Garten”) verfasst, das sich – im Gegensatz zu Walter Schwahns Werken – mit den Geschehnissen in Herborn zur Zeit des Vormärz befasste. Zum anderen erwies sich der erstmals gewählte Schlosshof als stimmungsvolle Theaterkulisse, die bei vielen Zuschauern in so nachhaltiger Erinnerung geblieben war, dass es sich anbot, auch 2002 wieder hier zu spielen.

 

Zunächst aber standen die Heimatspieler nach dem Motto “Zurück zu den Wurzeln” im Stadt–Jubiläumsjahr 2001 vor ihrer vielleicht größten Herausforderung. Mit der Aufführung der “Ur–Barbara” an historischer Stätte auf dem Kornmarkt erwiesen wir neben der städtischen auch unserer eigenen Geschichte Referenz. Mit einem gewaltigen Aufwand an Menschen (rund 60 Mitwirkende), Material (Kostüme, Bauten) und Pferden gab es erneut ein “Theater in Herborn”, bei dem der Begriff Laienspiel inzwischen kaum mehr angebracht schien. Über 2500 Besucher sorgten für das Rekordergebnis in der Geschichte unseres Vereins. Wir trotzten erneut dem Regen und mussten sogar eine zusätzliche Aufführung einschieben. Fazit aller Beteiligten: Es war der helle Wahnsinn!

 

Womit die Überleitung zum Kriminalstück des Jahres 2002 geschaffen wäre. In dem bekannten Agatha–Christie–Stück “…da waren’s nur noch 9!” wagten sich die Heimatspieler erneut auf unbekanntes Terrain, stand doch erstmals eine Geschichte auf dem Spielplan, in der ein wahnsinniger Mörder sein Unwesen trieb. Kontrastprogramm in der Schlosshof–Idylle also, die auf einen enormen Zuspruch stieß und uns sogar eine Zusatzvorstellung abverlangte.

 

Nachdem wir im Jahr 2003 den Ortswechsel auf den Bereich des alten LWV–Gutshofes vollzogen und auch ein Genre–Wechsel zustande kam, durften wir – auf vielfachen Wunsch – unser komödiantisches Talent ausleben und die britische Boulevardkomödie mit Niveau “Und das am Hochzeitsmorgen” zur Aufführung bringen.

 

2004 nun hatte es uns wieder Curt Goetz angetan, wobei wir uns selbst “recycelten”, schließlich stand das Stück bereits 1996 auf unserem Spielplan, wurde jedoch seinerzeit in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. “Der Lampenschirm” hielt wettertechnisch seine schützende Hand nicht über uns. Es waren verregnete und stürmische zehn Spieltage. Frei nach dem Inhalt des Stückes konnten wir sagen: “Ärgern Sie sich nicht, wundern Sie sich man bloß!”

 

Deshalb wollten wir weiter nach dem Motto verfahren: “Nur wer sich ändert, bleibt sich treu!” Aus diesem Grund agierten wir 2005 – nach sieben Jahren unter freiem Himmel – erstmals wieder bei einem Sommerstück unter dem schützenden Dach. In der Kulturscheune stand die Kriminalkomödie “Erben ist nicht leicht” auf dem Spielplan. 2006 jedoch kehrten wir zu unseren Wurzeln zurück, denn auf der Burg Greifenstein stand “Das Edle Haus” auf dem Spielplan, ein Stück aus der Feder des verstorbenen Herborner Ehrenbürgers Walter Schwahn, das wir letztmals im Jahr 1988 an gleicher Stelle aufgeführt hatten. 2007 schließlich waren wir “Außer Kontrolle” und präsentierten in der KuSch eine britische Komödie. Back to the roots hieß es dagegen 2008, als wir auf dem Kornmarkt die “Barbara” spielten.

 

2009 dann spielten wir “In Bauschs Garten”, ein Stück unseres Mitglieds Gabriele Greis, das diese in den neunziger Jahren eigens für uns geschrieben hatte. Und 2010 dann “rauschten die Gelder” in der KuSch. Eine britische Komödie von Michael Cooney sorgte dort für einen Riesenerfolg.

 

Mehr über:    Volksbühne Verkehrsverein Herborner Heimatspiele e.V.