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Auf eine Reise durch die kreativ-verrückte Welt der jüdisch-deutschen Unterhaltung der wilden zwanziger Jahre hat der Entertainer Roberts Kreis sein Publikum in der Herborner Kulturscheune mitgenommen.

„Verehrt, Verfolgt, Vergessen“ – so lautet der Arbeitstitel des Programms des niederländischen Kabarettisten, Musikers und Entertainers, mit dem er auf Einladung der Kulturscheune in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dillenburg erstmals in Herborns Musentempel gastierte.

Die Dillenburger Gesellschaft, die in diesem Jahr ihren 30. Geburtstag feiert, konnte sich keine bessere kulturelle Begleitung für ihr Jubiläum auswählen, als Robert Kreis.

Nach einem rasanten Abriss über sein Leben und sein Weg zu Kunst und Kultur, der an die Wortkaskaden der in den 1960er und 1970er Jahren erfolgreichen Kabarettistin und Schauspielerin Gisela Schlüter erinnerte, kam Robert Kreis grell gestylt, streng frisiert und mit kessem Menjoubärtchen über der Oberlippe schließlich zur Sache. Perfekt ließ er eine fast vergessene, versunkene Kunst des Kabaretts und der Unterhaltung der 20er und 30er Jahre wiederaufleben. Und auch Kreis selbst schien dabei wahrhaft aufzuleben.

Der Grandseigneur klassisch-analoger Unterhaltungskunst musste dabei keine wilden Verrenkungen machen, um jedem zeitgeistigen „Standüpcomedian“ zu zeigen, wie wahres Entertainment zu sein hat. Robert Kreis, der seit vielen Jahren in Berlin lebt, sang, parlierte und rezitierte mit lockerer Zunge zwischen dekadentem Amüsement und Galgenhumor. Stets kritisch und parodierend gelang es ihm auf raffinierte Weise, aktuelle Beobachtungen aus unserer Zeit mit einzuspinnen in den feinsinnigen Humor und die geschliffene Sprache der Künstler der Weimarer Republik.

Mit unnachahmlicher Mimik, immer elegant in Anzug und Frack, fegte er lustvoll übers Bühnenparkett und begleitete mit donnernden oder sanft säuselnden Klavierpassagen, seine Auswahl von Couplets, Chansons und Schlager von Rudolf Nelson, Friedrich Hollaender, Willy Rosen oder Fritz Grünbaum. Aus den Schubladen des vergessen Seins entrissen, verlieh der Niederländer Liedern wie „Miese Zeiten“ oder „Ist das nicht wunderbar“ eine glänzende Politur.

Mit markanter Stimme ehrte er die jüdischen Komponisten, Schauspieler, Kabarettisten und Theatermacher, die maßgeblichen Anteil am Aufstieg der Kulturmetropole Berlin zwischen 1918 und 1932 hatten, als die Sprache noch gelebt wurde und der Foxtrott das Tempo der Nacht bestimmte.

Der jüdische Witz, pointiert, unverblümt und direkt, sorgte, erzählt von Kreis, in der KuSch für Tränen der Heiterkeit: Zwei jüdische Frauen lassen sich über den wahnsinnigen Reichtum ihrer Söhne aus: „Meiner ist so reich, der kann ganz New York kaufen“, sagt die erste Mutter. Die zweite entgegnet: „Meiner verkauft nicht!“.

Der Spott des Künstlers galt aber auch dem hier und jetzt. Beispielsweise den Zeitgenossen, die nur noch gramgebeugt und stillos gekleidet auf ihre Smartphones starren. Sie kanzelte Robert Kreis lustvoll mit einem Karl-Lagerfeld-Zitat ab: „Wer einen Jogging-Anzug trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Der Weltbürger Kreis hatte hingegen alles unter Kontrolle. Seine zweistündige Revue, begleitet von Zitaten und Lebensdaten aus Ulrich Liebes Buch „Verehrt, Verfolgt, Vergessen“, das seinem neuen Programm den Arbeitstitel gab, war zeitlos gut, einfach wunderbar. Frisch, frech und frivol. Stets den Schalk im Nacken und dabei stets die Contenance wahrend, begeisterte er das Publikum mit seiner originalen und originellen Präsenz.

Mit tosendem Applaus wurde Robert Kreis in den Feierabend entlassen, in der Hoffnung, dieses Unikat der Kleinkunst möglichst bald in unserer Region wiedererleben zu können.

(Fotos: Gert Fabritius)

 

 
Autor
Helmut Blecher

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Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

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