Kanzlerin-Souffleuse packt aus
Freitag, 27.01.2012 ~ Autor: Christian Röder ~ Keine Kommentare
Eigentlich sei sie gekommen, um als Kanzlerin-Souffleuse die „Applausbereitschaft“ in Herborn für ihre Chefin zu prüfen. Die war in der Kulturscheune eher gering, deshalb plauderte die Kabarettistin Simone Solga munter aus dem Nähkästchen und brachte ans Licht, was „bei Merkels unterm Sofa“ bislang verborgen war. Dafür gab es dann jede Menge Beifall. Auch intimste Details, wie die vermeintlichen SMS-Nachrichten der Kanzlerin, waren der Künstlerin nicht heilig. „Oder wissen sie, was der SMS-Text ‘CDU-NUTTE’ an Ministerin Ursula von der Leyen bedeutet?“, fragte sie das entsetzte Publikum. Doch alle konnten aufatmen: Hinter der Abkürzung verberge sich nur die Kurznachricht: „Neuste Umfragewerte total tief eingebrochen.“
Mit Politikern wie Merkel sollten die Deutschen doch zufrieden sein. „Merkel reitet wenigstens nicht oben ohne durch die Uckermark“, gab es einen Seitenhieb auf einen russischen Kollegen der Kanzlerin.
Überhaupt sei die Frau an Deutschlands Spitze nicht die, über die man sich ärgern müsse. Zielobjekt müsse da schon eher das „Standgebläse“ Horst Seehofer sein, der über zu Guttenberg sagte: „Du bist und bleibst einer von uns.“ „Da hat der Mann Recht: Beides sind Betrüger“, kommentierte Solga. Auch Oskar Lafontaine sei ein Kandidat, den man, anstatt nur auf ihn zu schimpfen, eher verurteilen sollte. „Leider ist das wirklich extrem schwer, sind das da oben doch alles Juristen“, erklärte die Kabarettistin und zählte eine lange Reihe von juristisch ausgebildeten Politikern, Völkermördern und sonstigen Staatsmännern auf. Sie vermutete zudem, dass Lafontaine nur mit Sarah Wagenknecht zusammen sei, weil entweder beide eine Revolution planen würden oder es mit Margot Honecker nicht geklappt habe.
Trotz der teils herben Sprüche kam die Ex-Münchnerin jederzeit sympathisch beim Publikum an und bewies auch keinerlei Berührungsängste. Sei es beim anfänglichen Shake-Hands mit der ersten Reihe (die Probe aufs Exempel, ob die Herborner „reif“ für den Kanzlerbesuch seien) oder beim Schlagabtausch mit „Herrn Stürmer, Ströhmann oder wie auch immer sie heißen mögen“. Herr S. hatte wohl einen zu „sozialdemokratischen Geschichtsausdruck“, den die Kanzlersouffleuse natürlich nicht ungestraft hinnehmen konnte.
Dass Simone Solga auf eine mehr als zehnjährige Bühnen-Karriere zurückblicken kann, merkte man, als sie nach der Pause ein extrem emotionales Plädoyer gegen den deutschen Kriegseinsatz in Afghanistan und den Krieg im allgemeinen hielt. Im Saal war es ganz still, als sie über den “Unbekannten Soldaten” philosophierte. Nicht jedem Künstler gelingt es danach, die Stimmung wieder hoch kochen zu lassen. Doch für Solga war dieses Kunststück kein Problem. Als Ostdeutsche durfte sie sich natürlich auch über ihre Erziehung auslassen, die einer „stalinistischen Diktatur“ gleich käme: „Das hatte mit der verweichlichten Erziehung von heute nichts gemein.“ Einer negativen PISA-Studie, der Digitalisierung des Privatlebens und dem Nichtverstehen von Handytarifverträgen müsse man zudem nicht sorgenvoll entgegenblicken. „Manchmal lebt man ohne Bildung wirklich viel sorgloser“, sagte sie und machte auf diverse „Erste Welt Probleme“ aufmerksam. „Sowas gibt es auch nur bei uns – nicht lesen können, weil die Batterien alle sind“, gab es einen verbalen Seitenhieb auf die hippen eBook- und iPhone-Nutzer.
Als Zugabe gab es dann noch den Song einer Hausfrau, die der modernen, vibrierenden Technik mit Haut und Haaren verfallen war. „Ich liebe ihn: meinen Vibrateur!“, sang die Kabarettistin lasziv und machte damit eventuelle Kränkungen der digitalen Generation vergessen. Den tosenden Applaus hatte sich Solga nach über zwei Stunden lustig präsentierter, bitterer Wahrheiten redlich verdient – und zwar wirklich sie und nicht ihre “Chefin”.




