Kanzler-Souffleuse lässt nichts anbrennen
Freitag, 27.01.2012 ~ Autor: Helmut Blecher ~ Keine Kommentare
Viel zu erzählen, viel zu lästern und noch viel mehr zu moralisieren hatte die aus Leipzig stammende Kabarettistin bei ihrem bereits dritten Auftritt in Herborn. Fast zu viel. Mögen auch die Probleme, mit denen wir und unsere Kanzlerin sich herumschlagen müssen auch riesig sein, sie alle – wenn auch höchst schlagfertig und humorvoll aufgezählt, sprengten sie doch das Aufnahmevermögen vieler Zuhörer in der voll besetzten Kulturscheune. Ein enormes Tempo legte Simone Solga bei der Präsentation ihres vierten Soloprogramms „Bei Merkels unterm Sofa“ vor. In gut zwei Stunden drehte sie nicht nur das bundesdeutsche Politik-Personal, sondern auch sämtliche, durch sie zu verantwortenden Ereignisse durch ihren wortreich gezackten Reißwolf.
Als Kanzlerin-Vorauskommando im schwarzen Businesskleid ist Simone Solga nach Herborn gereist. Die Deutschlandtour von Angela Merkel soll in der KuSch starten. Ein Sicherheits-Check, um „linke Bazillen“ fernzuhalten, ist somit unabdingbar. „Das Mädchen für alles“ im Kanzleramt übt sogar mit dem Herborner Publikum ein Begrüßungsgedicht ein. Sie hat immer was zu tun, damit Angela Merkel eine gute Figur macht, obwohl man sich fragt, was ihr Friseur eigentlich beruflich macht.
Mit intelligenter Wortakrobatik zündet die Sächsin ein politisches Feuerwerk, das es nur so raucht. Überraschend und verblüffend sind ihre Erkenntnisse des Politbetriebs, der nicht nur jede Menge Dummheit sondern durchaus auch allzu Profanes zu Tage fördert, wie die Tasche der Merkel, die so schwarz ist wie ihre Gesinnung und die Seitenfalten so runtergezogen sind, wie ihre Mundwinkel. „Doch wenn sie lächelt, ist sie eigentlich ganz schnuckelig.“
Die Kabarettistin geißelt mit scharfzüngiger Unverschämtheit und der Geschwindigkeit eines Schnellfeuergewehrs alles, was unsereins unter den Nägeln brennt. Weil wir aber verblöden, betrifft das laut Umfrage allerdings nur einen von zehn Bürgern. „Wenn man uns für dumm verkauft, ist das Marketing“, weiß die sich in eigener Sache gut vermarktende Simone Solga zu berichten. Wider die gesichtslose Wurstigkeit, die es in die Schlagzeilen schafft, wider eine FDP, „die schwach angefangen und ganz stark nachgelassen hat“, erhebt sie ebenso ihre Stimme, wie gegen die Überwachungspraxis des Verfassungsschutz: „Von ihm beobachtet zu werden ist jedoch harmlos, da kann man jeden Neonazi fragen.“ Ob Finanzkrise („Der Euro sollte von der Fiasko-Währung abgelöst werden“), Afghanistan, die Überalterung unserer Gesellschaft. („Die Geburtenquote in Ostdeutschland liegt vielfach unter der des Vatikans“), es gibt viel zu tun für die bitterböse Kabarettistin und Moralistin, die u.a. dass offizielle Verständnis von Krieg auf den Punkt zu bringen vermag: „Krieg ist Terror im Krieg gegen den Terror.“
Und weil es wegen des unter den Armen knapp geschnitten Kostüms der Kanzlerin nicht mit dem Aufschwung klappt („Sie bleibt auf halber Strecke stehen“), müssen wir uns mit der Hoffnung auf bessere Zeiten begnügen. Simone Solga packt an, sorgt für Lacher, auch wenn uns das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt. Die Taschenträgerin und kleine Frau im Ohr der Kanzlerin macht es dem Publikum (trotz gewährter Pausen) nicht leicht, ihrem Tempo zu folgen. Dennoch kam die mit unverschämter Virtuosität wirbelnde Polit-Kabarettistin beim Herborner Publikum gut an.


