Wortwitz und kleine Boshaftigkeiten
Sonntag, 15.01.2012 ~ Autor: Klaus Kordesch ~ Keine Kommentare
Respekt! So gekonnt ungezwungen und locker wie der FFH-Radiomann Johannes Scherer hat eigentlich noch niemand die Herborner KulturScheune aufgemischt. Am Samstag löste der Komiker mit seinen scheinbar spontanen Späßchen und Plaudereien mitunter regelrechte Lachkrämpfe bei den Zuschauern im ausverkauften Saal aus.
Keine Sekunde ließ sich der Moderator in seinem dritten Bühnenprogramm „Asoziale Netzwerke“ anmerken, welch akribische Vorbereitung hinter der Show stecken muss, damit ein Gag auf den nächsten aufbauen und eine Pointe nach der anderen zünden kann. Dabei wirkte Scherers mit Wortwitz und kleinen Boshaftigkeiten gespickter Feldzug in die Welt der Neuen Medien eigentlich auf den ersten Blick recht simpel gestrickt: Viele liebgewonnene Klischees wie affige Mode-Kindernamen und unfreundliche DB-Zugbegleiter, einige nicht allzu unappetitliche Gedanken zu menschlichen Verdauungs- und Ausscheidungsvorgängen zusammen mit durchweg originell formulierten Seitenhieben auf tumbe Internetnutzer und dem Stimmen-Imitations-Talent Scherers reichten, um das Publikum zum Kreischen zu bringen.
Dabei hinterließ Scherer bewundernswerterweise mitunter den Eindruck, dass er seine Angriffe auf die schöne neue Welt des Alles-Preisgebens und Alles-von-den-Anderen-Wissens gar nicht nur scherzhaft verstanden wissen wollte. „Wehrt euch!“, forderte er im Brustton der Überzeugung beispielsweise seine Fans auf, sich massenhaft bei den Hotlines der Lebensmittelkonzerne gegen „functional food“ auszusprechen – klar, wer will denn schon dem Aufruf der Joghurt-Werbung „Hör auf deinen Darm“ folgen? Scherer zumindest lehnte jede Form der Kommunikation mit seinen Innereien kategorisch ab und warnte seine zunehmend begeistert johlenden, kichernden und klatschenden Zuhörer auch eindringlich davor, der Bitte eines international agierenden Konzerns – „Mail mir deine Lieblings-Verdauungsgeschichte!“ – Folge zu leisten.
Ist der Mensch wirklich schon so gläsern, dass auch solche intimen Geheimnisse öffentlich für alle sichtbar gemacht werden müssen? Sicher doch – in Zeiten multifunktionaler Handys ist das Public Viewing des werdenden Vaters direkt aus dem Kreißsaal für die Freunde in der Stammkneipe ebenso wenig tabu das Bekanntgeben jedweder Tätigkeit einschließlich der bevorstehenden Mahlzeit samt Foto bei facebook. Scherers Paradebeispiel in Gestalt der Alleinerziehenden Marietta Spencer, die in Unkenntnis der Sicherheitseinstellungen über den gemeinsamen facebook-Freund Jens Riewa („Der nimmt jeden als Freund!“) die halbe Welt mit Kommentaren a la „mjam mjam“ vor jeder Mahlzeit beglückt, kennt wohl jeder ähnlich als reale Person. Facebook sei das Poesiealbum der Gegenwart, erklärte der Witzbold den zumeist nicht mehr eben im Jugendalter befindlichen Gästen – mit dem Unterschied, dass man den Klassendeppen seinerzeit von seinem Buch habe fernhalten können, während sich facebook heute leider jeder „nehmen“ könne.
Überaus vergnüglich streifte der Radio-Moderator auch Themen wie Halloween – das er im Gegenzug zur Einführung des St. Martinstags in den USA durchaus zu feiern bereit sei – und den Zustand der Autobahn-Toiletten in Deutschland und Frankreich, etwa zur Federweißenzeit im Elsass, sowie mögliche Verwendungsmöglichkeiten für die 50-Cent-Bons. Bodo Bach etwa sei mit den Gutscheinen und der ganzen Familie auf dem Dollenberg vor Weihnachten zum Gänseessen eingefallen, berichtete er mit todernster Miene den vor Vergnügen quietschenden Zuhörern, die er nur von einer 20-minütigen Pause unterbrochen zweimal je eine Stunde lang bestens unterhielt.




